Zu viert standen wir zusammen, während einer von uns fertig rauchte. Das Gespräch plätscherte dahin. Aus irgendwelchen Gründen war von Tangermünde die Rede, von dem Storchennest auf dem Rathaus und von den Touristen auf dem Elberadweg. “Da gibt es eine tolle Kneipe”, sagt Jan, “die is in einer Kirche, voll toll.” Dann auf einmal zu mir in entschuldigendem Ton: “Oh sorry, Ich hab ganz vergessen, dass Du kirchlich bist.” Ich sag nur ‘is schon ok’ und bin 5 Minuten lang perplex, dass ich ja nun augenscheinlich als ‘kirchlich’ wahrgenommen werde.
Denn was heißt das überhaupt? Das hört sich so sehr nach ‘Du bist ja ein Fan der Kirche’ an. Kein Wunder, dass Jan meinte, er könne nicht frei von Kneipen in Kirchen reden. Ich hätte mich wohl aufregen sollen, oder? Aber das Adjektiv ‘kirchlich’ ist da echt nicht das richtige für. Ich habe mich auch nicht aufgeregt. Ich hab ja selber schon Bierse in umfunktionierten Kapellen getrunken. Irgendwie komisch wars schon – aber das empfinden auch Nicht-Kirchliche Menschen so (also quasi Menschen wie Du und ich).
Also klar, ich gehe schon ganz gerne am Sonntag in den Gottesdienst. Da würden mir aber mehrere andere Adjektive einfallen. Man könnte mir zum Beispiel auf den Kopf zusagen, ich wäre religiös. Das wäre eine tolle Gelegenheit, den Unterschied zwischen Glauben und Religion in den Blick zu nehmen, im Privatleben sogar, yay! Das würde sich aber auch fremd anfühlen, dieses ‘ich bin religiös’-Label.Irgendwie fühlen sich die Labels alle komisch an. Gläubige Christen in Deutschalnd reden ja nicht mit nicht-gläubigen Christen. Da gibt es quasi gar keine Sprache, die man hier benutzen kann. Na gut, jetzt habe ich schon die Rede vom ‘gläubigen Christ’ benutzt, das geht natürlich von der Bezeichnung her schon ganz gut. Trifft es auch irgendwie. Aber damit kann man ja nicht hausieren gehen. Es gibt ja immernoch sehr viele Leute da draußen, die ernsthaft an einem zweifeln, weil man den Fehler des Glaubens noch nicht überwunden hat. Wenn frau Glück hat, handelt es sich bei diesen Skeptikern um Kulturrelativisten, die im Prinzip jede so akzeptieren, wie sie daher kommt, solange sie nichts Böses im Schilde führt. Wenn frau Pech hat, schließt sie die Glaubenpraxis von der Teilnahme an bestimmten Bereichen des gesellschaftlichen Lebens aus. Aus vielen Gründen macht es oft Sinn, es einfach für sich zu behalten, wie man den Sonntagmorgen verbringt.
Um zur Ausgangsproblematik zurückzukommen: ‘Kirchlich’ ist jedenfalls voll doof. Kirchlich sind die Sakramente, ist die (kirchliche) Eheschließung, und sind Baustile. Alles institutionell. Individueller Glauben ist nicht kirchlich und Gläubige sind auch nicht kirchlich. Das ist ungefähr so, als würde man sagen, die Fans bei einem Clueso-Konzert sind Vertreter der deutschen Hiphop bzw. singer/songwriter-Industrie. Sind sie nicht, sie haben da nur was in der Musik gefunden, was für sie wahr und wichtig war. Beim Glauben ist das etwas komplizierter…aber irgendwie auch ähnlich. Das kann man natürlich besser erklären als ich, haben auch viele vor mir gemacht (Theologenfreunde, bitte gebt Literaturhinweise!), aber Grundsätzliches kann ich auch so klarstellen:
Kirchlich ist ein institutionelles Adjektiv und nicht auf Privatmenschen und ihre religiöse Praxis anzuwenden.



